Ein hoher Preis
Kennt ihr diese Gedanken? Und wie ist es bei euch? Stimmt aus eurer Sicht das Preis-/Leistungsverhältnis?
An diesem Morgen schaue ich zum ersten Mal während des Versorgungswechsels in den Spiegel. Erst ist es nur ein kurzer Blick – nahezu ein Versehen – doch von diesem Moment an kann ich meinen Blick nicht mehr abwenden.
All die Monate zuvor hatte ich weggeschaut; ganz bewusst, manchmal sogar mühsam.
Als ich das erste Stoma ganz neu hatte, war es von oben betrachtet bereits kaum zu ertragen. Aus diesem Grund wollte ich auf keinen Fall von vorne hinschauen. Das Ausmaß dieser Katastrophe – meiner Entscheidung – sehen.
Und dann kam so zeitnah das zweite Stoma hinzu, so dass ich schließlich während des Versorgungswechsels wirklich jeden Blick in den Spiegel so gut es ging vermieden habe.
In einem Urlaub hatte ich sogar die Spiegel abgedeckt. Zu groß war die Angst, meinen Bauch mit diesen zwei Löchern zu sehen und die Bilder nicht mehr aus dem Kopf zu bekommen. Dementsprechend hatte ich bis zum heutigen Tag nie ganz bewusst hingeschaut.
An diesem Morgen stehe ich vor dem Spiegel und urplötzlich und völlig ungeplant, nehme ich mir die Zeit und betrachte meinen Körper.
Dir Narbe, dort wo das Kolostoma war, ist dunkellila und die Haut drumherum noch vom Pflaster gerötet und trocken. Wenn ich mich leicht nach vorne beuge, entsteht in meinem Bauch eine Kuhle an der Stelle, wo früher mein Dickdarm an die Bauchdecke angenäht war.
Mein Ileostoma wirkt dagegen nahezu unscheinbar. An einer winzigen Stelle – gerade mal in einem Umfang von 20 Millimetern – sieht man die zwei Hälften meines Dünndarms. Fast könnte man das Stoma übersehen, wäre da nicht die gerötete Haut drum herum, die durch den konvexen Beutel, der sich in die Haut drückt, entstanden ist. Wie eine kleine Tribüne inklusive Scheinwerferlicht für meinen künstlichen Darmausgang.
Der Schauplatz, der sich früher in meinem Inneren abgespielt hat – für Außenstehende unsichtbar, für mich umso mehr spürbar – hat sich verlagert. Er ist jetzt deutlich zu erkennen, wenn er nicht gerade unter Bandagen und Oberteilen verdeckt ist.
Es war ein hoher Preis, den ich gezahlt habe, denke ich, während ich das Schlachtfeld auf meinem Körper betrachte. All diese Narben und Dellen und Wunden bis hin zu dem Stück Darm, das aus meinem Bauch heraus schaut. Ein hoher Preis für diese Unbeschwertheit, für die Schmerzfreiheit, für all das Erlebte, was ich nie gehabt hätte, hätte ich meinen Bauch nicht unter das Messer gelegt.
Ich denke an jeden Ausflug, von dem ich früher nicht mal hätte träumen können. An jede Unternehmung, während derer ich doch nur nach der nächsten Toilette gesucht hätte. Jedes Essen, das ich niemals hätte essen können. Jedes Getränk, das mir verwehrt geblieben wäre. Jeden Menschen, den ich nicht kennengelernt hätte, weil ich am Ende des Tages doch nicht das Haus verlassen hätte.
Ich denke an jede Sorge, jede Angst, jede grausame weitere Erinnerung an Kontrollverlust und Schmerzen, die mir wohlmöglich dank der Operationen erspart geblieben sind.
Ich werfe einen letzten Blick auf meinen neuen Körper. Sehe jede Rötung, jede Delle, jede Narbe, jeden Makel.
Es war ein verdammt hoher Preis, den ich zahlen musste – ganz unstrittig.
Aber war es nicht auch ein unfassbar großer Gewinn, der all das wert war?