Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Die, die schweigt

19. August 2025 15:10 Uhr Instagram

Manche sehen nur den Ekel - wir spüren jeden Tag den Schmerz. Ich finde, es ist Zeit, Vorurteile abzulegen und Mitgefühl zu zeigen. Habt ihr auch schon ähnliche Reaktionen erlebt?

Seien wir mal ehrlich:
Es will halt niemand wissen, niemand sehen, niemand hören.

Sie fragen, bis ihnen klar wird, was die Antwort ist. Bis sie den Kopf schütteln; ausweichen, das Gesicht verziehen; angewidert, voller Ekel, sich wünschend, sie hätten nie gefragt, es nie gehört, nie diese schlimmen Bilder im Kopf gehabt.
Bilder dessen, was mein Körper und mein Alltag und mein Leben ist.

Und es ist nun wirklich nicht so, als hätte ich es nicht probiert.
„Danke - mehr brauche ich nicht zu wissen.“ sagte die eine eilig, als ich das Wort künstlicher Darmausgang auch nur erwähnte.
„Das will ich mir gar nicht vorstellen.“ kam vom nächsten, dem ich von meinen zwei Beuteln berichtete.
„Nein, nein!“ war stets die hastige Antwort, als ich sagte, ich könne ja mein T-Shirt hochziehen und ihnen zeigen, wie sowas aussieht.

Und so wurde ich die, die schweigt - wenn andere über ihre Urlaube sprechen. Denn wie soll man Fernreisen vorweisen, wenn die Toilette stets das einzige Ziel vor Augen ist.

Die, die schweigt - wenn andere über ihre Krankheiten erzählen. Denn ein Schnupfen oder Beinbruch - natürlich, da hat man Mitleid. Doch von Durchfall will nunmal garantiert niemand etwas hören.

Die, die schweigt, wenn man sich nach der letzten Operation erkundigt.
Denn die Blicke ertragen, das Abwenden spüren, das Bereuen wahrnehmen, überhaupt gefragt zu haben, wenn man auch nur eines der vielen kleinen Details des Erlebten berichtet - das ist das Schlimmste an all dem.

Die, die schweigt - wenn man gefragt wird, wie
es einem geht. Denn wie erklärt man etwas, das ja doch niemand hören möchte?
Sie wollen sie doch nicht hören, all die schmutzigen Details, die anekelnden Kleinigkeiten, von Blut und Dreck und Kämpfen.

Sie können ja nicht Mals etwas dafür.
Haben sie doch von klein auf gelernt, dass so etwas Ekelerregend ist. Dass man es „eben nicht macht“ - das, was jeder Mann und jede Frau immer macht, machen muss - aber gerade als Frau - da macht man das doch nicht.

Denn so wurde es ihnen beigebracht:
Dass die einzig adäquate Reaktion auf alles was mit Ausscheidungen zu tun hat, Ekel ist - und als Solche wichtiger ist als jedes Mitgefühl, jede Empathie, jedes Verständnis.

Dass das Auge im Abwenden den Frieden findet, den das Hinschauen rauben würde.
Dass Schweigen des Anderen wohltuender ist als die Antworten auf jede Frage.
Dass Selbstschutz mehr wiegt als Nächstenliebe.

Und so wurde ich die, die schweigt.

Beutelomausi