Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Die Rückverlegung - Teil I

13. August 2025 20:37 Uhr Instagram

Der einzige Grund, warum ich euch diese Nachricht so lange vorenthalten habe, ist übrigens, dass ich tagelang verzweifelt auf der Suche nach einem passenden Lied für diesen Beitrag war. Und dann kam auf einmal dieser Song im Radio - und ich, die immer nur die Texte hört, dachte: Ja; das muss es sein.
Und falls ihr gerade diese Zeilen lest, nehmt euch doch einen Moment, haltet inne & denkt an all die kleinen und doch großartigen Momente in eurem Leben. 🤍

Ich sitze auf einer Bank vor dem Krankenhaus. Die Sonne strahlt warm in mein Gesicht, und ein leichter Wind macht den Moment fast perfekt. Ich nehme seine Hand in meine und blicke in die Weite der Landschaft.

Es ist eines der schönsten Gefühle der gesamten letzten Zeit: Endlich wieder einen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben.

Zwei Stunden nachdem der Chirurg mir mitgeteilt hat, dass er sich unsicher sei, ob eine Operation überhaupt sinnvoll wäre, kommt er erneut zu mir.

Er wirkt - nach einem Gespräch mit dem Chefarzt - beinahe zerknirscht.

„Wir haben alles noch einmal durchgesprochen“, sagt er in ruhigem, fast zögerlichem Ton. „Morgen schauen wir, ob die Fistel noch vorhanden ist. Falls ja, wird sie entfernt. Und dann ...“ - er hält inne, als wolle er die Spannung bewusst steigern - „...dann werden wir auch das Kolostoma zurückverlegen.“

Ich jauchze vor Freude, als ich begreife, was er gerade gesagt hat. Der neue Plan klingt sogar besser als der ursprüngliche: Zwei Probleme, eine Narkose - und diese wirklich sinnvoll genutzt.

Bis zur Operation am nächsten Tag stehen noch einige Vorbereitungen an. Ab dem Morgen zuvor darf ich nur noch flüssige Nahrung zu mir nehmen.

Der Dickdarmausgang wird zunächst gründlich untersucht und anschließend mit einem Clisma gespült, um ihn vollständig zu reinigen. Am Operationstag bekommt auch der Enddarm noch einen Einlauf.

Gegen zehn Uhr morgens ist es so weit: Mein Bett wird in den OP-Bereich geschoben. Noch immer fällt es mir schwer zu glauben, dass alles tatsächlich klappt. Selbst unmittelbar vor der Operation formuliere ich meine Gedanken weiterhin vorsichtig - immer mit einem „hoffentlich“ oder „falls“ oder „voraussichtlich“ wird das Stoma zurückverlegt.

Kurz vor der Narkose rasen tausend Gedanken durch meinen Kopf. Ich frage mich, welche Strategie diesmal helfen könnte. Beim letzten Mal hatten die positiven Affirmationen nichts gebracht - warum sollten sie diesmal funktionieren? Der Gedanke an den letzten Urlaub, an Hundewelpen ... das waren schöne Bilder, aber sie hatten auch nichts verändert.

Als mir die Sauerstoffmaske aufgesetzt wird, treffe ich sehr kurzfristig eine Entscheidung: Ich werde an gar nichts besonderes denken. „Alles wird gut“, murmle ich mir leise und voller Überzeugung zu - das ist mein letzter Gedanke, bevor das Bild vor meinen Augen verschwimmt.

Etwa zwei Stunden später wache ich auf. Der Chefarzt steht über meinem Bett. „Es ist alles wie geplant verlaufen“, erklärt er lächelnd.

Mehr muss ich nicht wissen. Und doch werde ich bei jedem weiteren Aufwachen in den darauffolgenden Stunden erneut fragen, ob die Rückverlegung wirklich stattgefunden hat - und jedes Mal erhalte ich die gleiche beruhigende Antwort: „Ja, alles war erfolgreich.“

Ich habe jetzt nur noch einen künstlichen Darmausgang.

Und was mir in diesem Moment, nur wenige Stunden nach der Operation, auf der Bank sitzend klar wird, was noch viel schöner und wichtiger ist:

Nach all den vergangenen Monaten voller Ängste, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit habe ich nun das erste Mal wieder das Gefühl, dass es endlich bergauf geht. Die Hoffnung, dass ich wieder eine Zukunft planen kann. Und, nicht zuletzt, dieses ergreifende Gefühl der vollkommenen Überzeugung, dass von nun an wirklich alles gut wird.

Beutelomausi