Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Ich hoffe, du weißt es

30. Juli 2025 15:16 Uhr Instagram

Das Schlimmste ist dieses Gefühl der Ohnmacht.
Ausgeliefert zu sein - abhängig von den Entscheidungen der Menschen im weißen Kittel. Immer wieder heißt es: „Die Entzündungswerte sind zu hoch.“ Oder: „Warten Sie lieber noch drei Monate.“

Und ich frage mich: Haben die, die so etwas sagen, überhaupt den Hauch einer Ahnung, wie es sich für mich als Patient anfühlt?
Wie es ist, ständig vertröstet zu werden? Immer wieder Hoffnungen - und dann doch nichts als leere Versprechen.

Wie geht es euch damit?
Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?
Was hat euch geholfen?

Lieber Chirurg,

manchmal frage ich mich, ob du eigentlich weißt, wie es mir geht. Ob du auch nur die leiseste Ahnung davon hast.

Jeden Morgen, wenn ich die Pflaster abziehe und das Schlachtfeld betrachte, das mein Körper geworden ist.

Jeden Moment, in dem ich in den Spiegel sehe — und mich selbst nicht mehr erkenne.

Jeden Abend, wenn ich ins Bett gehe und denke: Wieder ein Tag geschafft. Wieder ein Tag näher dran an der Hoffnung, der Erlösung, dem Ende all dessen.


Lieber Chirurg,

kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Die unerträglichen Schmerzen. Die erdrückende Angst. Die Gedanken, die einfach nicht aufhören wollen: Wird alles gut gehen? Was, wenn es nicht funktioniert? Wie soll ich das noch einmal überstehen?

So oft denke ich: Du musst es doch gehört haben. Dieses leise Bitte aus der Ferne. Ein geflüstertes Lass alles gut gehen. Denn anders halte ich es nicht mehr aus.

Wie häufig habe ich mich gefragt: Noch 28 Tage — wie soll ich das aushalten? Und mir dann eingeredet: Ach komm, vier Wochen — das schaffst du. Immer und immer wieder. Tag für Tag.


Lieber Chirurg,

kannst du dir vorstellen, wiees ist, ständig daran erinnert zu werden, dass es vielleicht eine einzige falsche Entscheidung war? Eine von mir. Oder von jemand anderem. An einem einzigen schlechten Tag.

Und mittendrin — diese unbändige Angst, dass es nie wieder gut wird. Weil es immer nur heißt:
Noch drei Monate. Noch zwei Untersuchungen. Und dann: Lieber doch nochmal abwarten.

Bis irgendwann dieser eine Tag kommt. Und die Vorfreude ins Unermessliche steigt.


Lieber Chirurg,

ich hoffe, du konntest heute Morgen, als du mit mir sprachst, wenigstens einen Bruchteil davon erahnen.

Als ich da saß, im Krankenbett. Mit dem Patientenarmband am Handgelenk. Dem Zugang bereits gelegt.

Den Aufklärungsbogen für die bevorstehende Rückverlegung schon drei Mal durchgelesen. Dem Kopf voller Fragen. Dem Magen leer. Aber dem Herzen klopfend bis zum Hals — vor Aufregung, vor Hoffnung, vor Zuversicht.


Lieber Chirurg,

ich hoffe, du wusstest, was aan tatest, als du es mir sagtest — in deinem weißen Kittel, voller Stolz, mit all deinem Wissen, mit all deiner Erfahrung. Und doch aus angenehmer Distanz:

„Ich weiß nicht, ob wir Sie morgen operieren können.“

Ich hoffe, du hast gesehen, was du damit angerichtet hast, als du meine Tränen sahst. All die Enttäuschung. Die Verzweiflung. Und dann — die Wut. Du musst es gesehen haben.


Lieber Chirurg,

ich hoffe, du weißt es.

Und ich hoffe, du triffst noch die richtige Entscheidung.

Beutelomausi