Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Das Leben, das ich aufgegeben habe

6. November 2025 20:25 Uhr Instagram

Ich glaube, was ich euch damit sagen will, ist, wie unglaublich viele gute Seiten das Leben mit Stoma hatte. Es hat mir so viel Freiheit und Leichtigkeit zurückgegeben, von der ich vorher kaum zu träumen gewagt hätte. Und so sehr ich mir damals häufig gewünscht habe, dass es endlich zurückverlegt wird; so sehr ertappe ich mich heute manchmal dabei, mir genau diese Zeit zurückzuwünschen.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist es bisher zweimal vorgekommen, dass ich vor ihm geweint habe. Das erste Mal, als mir bewusst wurde, was ich alles kaputt gemacht hatte. Das zweite Mal, als ich nicht mehr wusste, wie ich es wieder reparieren kann.

Am Tag nach der Operation gehe ich um zwölf Uhr mittags das erste Mal auf die Toilette - und komme von diesem Moment an nicht mehr davon los. Zunächst ist es ein befreiendes Gefühl: Der Darm arbeitet wieder. Doch als mein Besuch mich einige Stunden später vorfindet, bin ich völlig erschöpft.

Mein Darm hat mir gezeigt, dass er funktioniert - und mich gleichzeitig in wenigen Stunden an all das erinnert, was ich vergessen hatte. Und so folgen die nächsten Tage, Nächte, Wochen. Es ist alles wieder da. Die Unberechenbarkeit. Die Häufigkeit. Die Schmerzen.

Plötzlich sind alle kurzen Wege wieder schier endlose Wege. Jede Toilette der schönste und gleichzeitig schrecklichste Ort der Welt. Jeder Baum ein Rückzugsort. Jedes Essen eine Mutprobe. Jedes Ausgehen ein Wagnis. Alles ist wie früher - vor all den Monaten, vor meiner ersten Stoma-Operation. Ich renne zur Toilette, verliere die Kontrolle. Es brennt, es zieht, es zerreißt.

Manchmal vergehen zwei Stunden, die mich hoffen lassen. Manchmal nur fünf Minuten, die mir zeigen, was ich durch diese zweite Operation verloren habe.

Und dann ist da Alex. Als ich damals zum ersten Mal wirklich mit ihm darüber sprach, wurde mir klar, wie kaputt mein Körper ist. All die Jahre voller Entzündungen hatten Spuren hinterlassen - Spuren, die die Chirurgen zu verbergen versucht hatten, die ich aber jeden Tag allzu deutlich sah.

Nach dieser letzten Operation, der zweiten großen Rückverlegung, ist alles anders. Ich habe keinen künstlichen Darmausgang mehr. Doch das Leben, das er mir ermöglicht hatte, ist mir noch klar vor Augen - das Leben, das zwar nicht immer leicht, aber doch so viel einfacher war als das jetzige.

Das Leben, in dem ich essen konnte, was ich wollte; hingehen konnte, wohin ich wollte; sein konnte, wie ich wollte. Das Leben, das ich aufgegeben haben.

Beutelomausi