Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

Avatar von Beutelomausi

Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Zwischen Enttäuschung und Wut

5. Juni 2025 15:49 Uhr Instagram

„Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.“ sagt der Chirurg. Sein Ton ist rau geworden.

Er wendet sich von mir ab, blickt auf seinen Monitor. Ich starre seine Schulter an, während mir langsam bewusst wird, dass ich wohl zu weit gegangen bin.

In einer Woche hatte ich die wichtigen und notwendigen Untersuchungen bei mir in der Heimat.

Als ich sowohl Darmspiegelung als auch MRT hinter mir habe, sitze ich endlich vor dem Chirurg aus der Ferne, zu dem ich vier Stunden gefahren bin, um zu besprechen, wie es nun weiter geht.

Alles, was ich möchte, ist wissen, wann endlich wenigstens einer meiner künstlichen Darmausgänge rückverlegt wird.

„Alle Untersuchungen sind unauffällig.“ erklärt der Chirurg.

Ich nicke. „Und wie kann es jetzt weiter gehen? Ich habe in zwei Wochen einen Termin beim Frauenarzt, um auch dann nochmal abklären zu lassen, ob die Fistel noch da ist.“ erkläre ich dann sofort weiter, ohne ihm die Chance zu geben, zu antworten. „Aber was mache ich, wenn auch dort nichts gefunden wird? Ich meine, wie kann ich sicher sein, dass sie wirklich weg ist?“

Der Chirurg ist einige Sekunden ganz still, während er überlegt. Schließlich antwortet er: „Dann müssten wir Sie nochmal in Narkose untersuchen.“

„Wieder eine Narkose.“ stoße ich entsetzt hervor - habe ich doch erst vor ein paar Tagen Darmspiegelung mit Propofol und ein MRT mit Kontrastmittel gemacht. Beide Untersuchungen hatten meinem Körper spürbar zugesetzt. „Aber in dem Zuge können Sie dann das Dickdarmstoma operieren, oder?“

Der Chirurg schüttelt den Kopf. „Wir könnten dann die Fistel operieren, falls wir eine finden.“

„Die Fistel ist mir nicht wichtig.“ sage ich zu ihm. „Wichtig ist, dass ich zumindest einen der Darmausgänge mal endlich entfernt bekomme!“ meine Stimme schwankt zwischen Wut und Enttäuschung. Meine Ungeduld wächst.

„Wir hatten uns beim letzten Gespräch so auf die Fistel konzentriert.“ entgegnet der Chirurg sichtlich irritiert und rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. „Ich dachte, darum kümmern wir uns zuerst?“

„Beim letzten Mal hatten Sie auch noch gesagt, dass beides gleichzeitig ginge!“ antworte ich inaufgebrachtem Ton. „Und jetzt klingt das plötzlich ganz anders.“

Der Chirurg verzieht gequält das Gesicht. „Es ist aber vielsicherer, das getrennt voneinander zu machen. Ihr Körper muss nach einer solchen Operation erst einmal eine Baustelle verarbeiten. Bevor es dann zur nächsten geht.“ Ich lehne mich zurück, verschränke die Arme vor dem Körper.

Ich kann seine Argumentation verstehen - nur bin ich mit dem, was mir dann bevor steht, nicht mehr einverstanden: Es ist einfach wieder zu viel Wartezeit, zu viel Untersuchungen, zu viel Ungewissheit.

„Ich möchte jetzt erst die Operation am Dickdarm haben.“ erkläre ich in forderndem Ton. „Alles andere ist mir nicht wichtig.“ meine Stimme ist zunehmend schärfer geworden. Ich schaue mein Gegenüber entschlossen an. „Wann kann die stattfinden?“

Der Chirurg wendet sich von mir ab, blickt auf seinen Bildschirm und beginnt zu tippen. „Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.“

Ich schlucke hörbar als ich seine plötzliche Gegenwehr zu spüren bekomme.

„Ich möchte Sie nicht unter Druck setzen.“ murmele ich sofort entschuldigend. „Ich will doch einfach nur endlich eins dieser Löcher loswerden."

„Das verstehe ich auch.“ sagt der Chirurg dann. Sein Ton ist wieder verständnisvoll geworden. Er blickt weiterhin auf den Monitor. „Nur geht das nicht von heute auf morgen.” Dann seufzt er leise. „Wie wäre es denn Ende Juli?“

Ein siegessicheres Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Dieses Mal gewinne ich.

Beutelomausi