Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

In der Klarheit des Schmerzes

3. Juni 2025 10:07 Uhr Instagram

Als ich aufwache, bin ich völlig durchgeschwitzt. Mein T-Shirt klebt an meinem Körper, die Haare hängen mir strähnig ins Gesicht. Im Spiegel sehe ich meine geröteten Wangen und die glänzende Stirn. Während ich mich langsam aufrichte, spüre ich es ganz deutlich: Es ist vorbei. Endlich.

Es begann einige Stunden nach der Darmspiegelung. Und es brachte all das zurück, was ich längst verdrängt hatte.

Als ich am Nachmittag nach der großen Untersuchung nach Hause komme, bin ich am Ende meiner Kräfte.

Noch nie zuvor hat mich eine Sedierung so heftig aus der Bahn geworfen.

Ich lege mich hin, finde kaum Schlaf. Dann spüre ich es: Krämpfe im Bauch. Ein Ziehen an der Stelle, die seit Monaten wie taub war. Die Untersuchung muss den Dickdarm getroffen, vielleicht sogar aufgeweckt haben. Dort, wo lange kein Essen mehr durchkam, war nun ein Schlauch gewesen - und der Darm reagiert. Produziert Schleim, krampft, schmerzt.

Ich ziehe die Knie an den Körper, als auch der Kopf zu pochen beginnt und das Frieren einsetzt. Plötzlich bin ich wieder dort - in meinem alten Körper, vor einem Jahr.

Der Dickdarm tobt, schlägt um sich, reißt alles mit sich nieder. Ich bin wieder an meinen Grenzen.

Ich gestehe es mir ein, auch wenn ich mir geschworen hatte, es niemals zu tun: Ich hatte es vergessen.

Vergessen, wie es sich anfühlt, wenn der Schmerz die Kontrolle übernimmt. Vergessen, wie es ist, wenn der eigene Körper zum Feind wird.

Einen Tag später liege ich im Bett. Es war ein Tag voller Empfindungen, die ich so lange nicht mehr gespürt hatte. Ich denke an meine ambitionierten, hoffnungsvollen Pläne - die Rückverlegung beider Stomata, die Aussicht auf ein normales, unbeschwertes Leben. Doch nun, in der Klarheit des Schmerzes, erkenne ich: So einfach wird es nicht.

Und plötzlich sind sie da - die grenzenlose Trauer, die übermächtige Angst.

Wie soll das bloß jemals funktionieren?

Wie kann das jemals gut werden?

Als ich schließlich einschlafe, tragen mich diese Fragen mit sich fort.

Am nächsten Morgen wache ich schweißgebadet auf - aber etwas ist anders. Es geht mir schlagartig besser.

Mein Körper scheint über Nacht alles ausgeschwitzt zu haben - die Nachwirkungen und die Angst und den Schmerz.

Es war doch nur ein Tag, versuche ich mir einzureden. Und jetzt ist es vorbei. Doch ich weiß, dass es nicht einfach nur ein Tag war. Es war mehr. Viel mehr.

Ein grauenvoller Tag. Ein bedeutsamer Tag. Ein Tag, der mich erinnert hat - an all das, was ich nie wieder fühlen wollte.

Beutelomausi