Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Wo Worte enden

19. Juni 2025 15:47 Uhr Instagram

Wenn Fürsorge sich wie ein Vorwurf anfühlt, hilft kein Weihrauch dieser Welt.

Wo Worte enden, spricht die Stille.
Wo Worte enden, hört das Herz zu.
Wo Worte enden, ist Nähe da.

Das mit den gut gemeinten Tipps - das ist ja immer so eine Sache.

Ich atme tief durch.
„Ich habe Morbus Crohn und seit kurzem zwei
künstliche Darmausgänge.“
sage ich zu ihr,
bemüht so selbstsicher wie möglich zu
klingen, als ich dieses große lang gehütete
Geheimnis endlich ausspreche.

Sie reißt die Augen auf.

„Um Himmels Willen!“
Ich sehe, wie sie sich kurz sammeln muss angesichts dieser neuen Information.

Dann strafft sie die Schultern, denkt kurz nach - und beginnt zu sprechen.

„Da musst du weniger Zucker essen!“ erklärt sie ganz aufgeregt.

„Ich weiß.“ gebe ich mit einem müden Lächeln zurück.

„Und antientzündliche Ernährung ist auch so wichtig. Nimmst du Weihrauch und Kurkuma?“ fährt sie umgehend fort.

Ich habe nur noch ein Schulterzucken übrig. „Alles schon probiert.“ erkläre ich dann und merke, wie ich zunehmend unruhiger werde.

In den nächsten Tagen bekomme ich immer wieder WhatsApp-Nachrichten.

„Du musst Stress vermeiden!“ schreibt sie einmal. Oder: „Yoga könnte helfen.“

Und je mehr Nachrichten ich erhalte, desto mehr fühlen sie sich an wie ein Vorwurf und umso weniger als das was sie eigentlich sein sollen: Einfach nur ein gut gemeinter Rat.

Ich versuche mich zu besinnen.

Am anderen Ende des Telefons ist eine liebevolle Person, die zeigt wie sehr ich ihr am Herzen liege. Die sich bemüht. Die sich Gedanken macht. Die helfen will. Die will, dass es mir besser geht, dass ich gesund werde, dass alles gut wird.

Und ich schäme mich, weil es in mir genau das Gegenteil auslöst: Stress, Sorgen und Selbstzweifel.

Mit jeder Nachricht werde ich daran erinnert, was ich möglicherweise falsch gemacht habe.

Alles was sie sagen will ist: Das kannst du probieren, um gesund zu werden.

Alles was ich höre ist:

Hätte ich bloß weniger gearbeitet, mir weniger Gedanken und weniger Stress gemacht.

Hätte ich bloß weniger Süßes gegessen und mehr Sport und Meditation und alternative Therapien ausprobiert.

Hätte ich doch das alles nur beachtet, wäre mein Körper nun nicht so hinüber, mein Leben jetzt nicht so verkorkst.

Und so wird aus Fürsorge Vorwurf.

Aus Nähe Druck.

Aus Liebe Demuth.

Aus Hoffnung Angst.

Aus Anteilnahme ein leiser Zweifel an mir selbst.

Wenn ich mir nur etwas wünschen dürfte, dann wäre es das, was wirklich hilft:

Dass sie Sehen, nicht richten.
Dass sie Zuhören, nicht erklären.
Dass sie da sind, nicht drängen.

Denn wo Worte enden, beginnt das Verstehen.

Beutelomausi