Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

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Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Die letzten Male

15. Juli 2025 19:43 Uhr Instagram

..und das ist dein ganz persönlicher, digitaler Pfotenabdruck. 🐾🤍

Als ich aus dem Auto steige, bin ich für einen Moment irritiert.

Es ist ein Sommertag Anfang Juli.

Die Sonne scheint warm auf mein Gesicht - und doch hat es begonnen zu regnen. Nur ganz leicht, gerade so, dass man es spürt. Wie eine sanfte Dusche, die dem Moment eine überraschende Behaglichkeit verleiht. Eine Behaglichkeit, die diese Situation eigentlich nicht verdient hat. Während ich den Waldweg entlanggehe, beginne ich nachzudenken.

In meinem Leben habe ich unzählige letzte Male erlebt - so viele, dass ich sie kaum alle bewusst wahrgenommen oder gezählt habe.

Manchmal sortiere ich sie gedanklich in Kategorien.

Da sind die letzten Male, von denen ich ganz genau wusste, dass sie ein Abschied sind.

Der letzte Arbeitstag, bevor ich den Arbeitgeber wechselte - in dem sicheren Wissen, diese Flure nie wieder zu betreten.

Der letzte Schultag vor dem Abitur - ein lauter, feierlicher Weggang.

Die letzte Nacht bei meinen Eltern, bevor ich in meine erste eigene Wohnung zog - voller Aufregung und Ungewissheit vor dem, was kommt.

Dann gibt es die vermeintlich letzten Male - Momente, von denen ich glaubte, dass sie Abschiede sind, die es dann aber doch nicht waren.

Ich denke an das eine Jahr, in dem meine Oma sagte, sie würde zum letzten Mal Weihnachtsplätzchen backen. Und es war das Jahr, in dem die Plätzchen - wenn das überhaupt möglich ist - besser schmeckten als je zuvor. Seitdem gibt es sie immer noch, jedes Jahr. Denn - obgleich sie es angekündigt hatte - aufgehört zu backen'hat sie nie.

Und schließlich gibt es die letzten Male, von denen ich nicht wusste, dass sie Abschiede waren.

Oft sind es genau diese, die am tiefsten nachhallen.

Während ich weiter durch den Wald gehe, kreisen meine Gedanken um all jene unscheinbaren Abschiede in meinem Leben:

Die letzte Nachricht.

Das letzte Gespräch.

Die letzte Umarmung.

So belanglos sie im Moment selbst erschienen, so schwer wogen sie im Rückblick.

Unter meinen Schuhen raschelt das trockene Gras, die Bäume tragen sattes, lebendiges Grün. Ich nehme alles um mich herum bewusst wahr.

Dieser Tag ist viel zu wundervoll, um ein letzter Tag zu sein. Viel zu glanzvoll für einen Abschied. Als ich das Haus betrete, liegt sie in ihrem Körbchen.

Ihre Ohren sind angelegt, ihr Schwanz zuckt nur leicht, als sie mich sieht - mehr schafft sie nicht mehr. Das weiß ich.

Ich war in den letzten Tagen immer wieder hier, jedes Mal ging ich, ohne zu wissen, ob es das letzte Mal war, dass wir uns sehen.

Heute, während ich ihr über das Fell streichle, sehe ich sie plötzlich wieder als Welpen vor mir. Als kleine, flauschige Kugel auf meinem Schoß. Himmel - wann ist bloß all die Zeit vergangen?

Wenn ich sie jetzt ansehe, sehe ich vor allem das, was ich verpasst habe.

All die Tage, die ich nicht bei ihr war.

All die verpassten Momente.

All die Zeit, vonder ich glaubte, es würde noch mehr davon geben.

Nein.

Heute darf nicht das letzte Mal sein, sage ich mir, als ich mich aufrichte, zum Gehen ansetze und die milde Sommerluft einatme.

Dieser Tag ist viel zu magisch für einen Abschied.

Manchmal sortiere ich all die letzten Male in meinem Leben in Kategorien.

Und manchmal denke ich an alljene Abschiede, von denen ich irgendwie wusste, dass sie ein letztes Mal sein würden - es aber einfach nicht wahrhaben wollte.

Die letzte Streicheleinheit.

Das letzte Mal, dass ich ihr Bellen hörte.

Das letzte Schwanzwedeln.

So sanft sie im Moment selbst waren - so voller Schmerz und,Sehnsucht und-Traurigkeit sind sie im Rückblick.

Beutelomausi