Beutelomausi

Nicht ganz dicht und trotzdem bereit der Welt in den Arsch zu treten.

Avatar von Beutelomausi

Ein ehrlicher Blick auf das Leben mit Morbus Crohn, Stoma und all das, was trotzdem schön ist.

Alle meine Träume

10. April 2026 18:20 Uhr Instagram

Nur ein kurzes Lebenszeichen von mir. 👌🏻
Das musste heute sein.

Worte gerade im Flugmodus.

In meinem Traum trage ich zwei schwarze Beutel am Bauch. Ich ziehe ein weißes Shirt drüber. Als ich vor ihnen stehe, sehen sie alles. Sie fragen mich, was das ist – und ich schaue an mir runter und sehe sie auch: Die zwei Beutel, die meine künstlichen Darmausgänge verdecken.

Heute ist es auf den Tag genau ein halbes Jahr her, dass die große Operation stattgefunden hat, im Rahmen derer mein zweiter und damit letzter künstlicher Darmausgang zurückverlegt wurde.

Seit diesem Tag weiß ich wieder – noch bevor ich einen Raum betrete –, wo ich die nächste Toilette finden werde, kontrolliere bei jedem Essen die Inhaltsstoffe bis aufs letzte Detail und verlasse das Haus nie ohne eine Packung Loperamid und ein Päckchen Taschentücher in meinem Rucksack.

Da ist wieder dieser Kampf zwischen darf ich nicht essen und sollte ich nicht essen, vielleicht besser nicht, aber heute maleine Ausnahme, so schlimm kann’s ja nicht werden, oh, das hätte ich nicht tun sollen und verdammt ich es bereu es.

Doch obgleich mein Leben vielleicht noch nicht unbedingt leichter geworden ist, kann ich all das Glück, welches mich im Jahr 2025 noch eingeholt hat, bis heute noch nicht begreifen.

In dieser Nacht, 6 Monate nach der Operation, habe ich geträumt, die Beutel wären wieder da.

Dabei erinnern inzwischen nur noch zwei blasslila Narben und eine helle Stelle rund herum an die ganz andersartigen Ängste, mit denen ich gut 1,5 Jahre gekämpft habe.

Doch irgendwie sind mir in dem Moment, in dem all diese Ängste aufhörten, auch meine Worte verloren gegangen.

Ich wollte nie die sein, von der man nichts mehr hört, sobald es ihr gut geht. Zumal ich noch lange nicht von einem guten Zustand sprechen kann – gewiss nicht.

Also lese ich dutzende Bücher, höre Musik wie früher und fange Texte an, immer wieder – die ich jedoch auch gleich wieder lösche. Und ähnlich wird es auch mit diesem hier sein.

Aber ich möchte doch so nicht sein, möchte Hoffnung machen, zeigen, dass alles gut werden kann.

Und auch sagen – was der Wahrheit entspricht –, dass kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht abends in den Himmel blicke und irgendwem, wer auch immer dort ist, wohlmöglich zu niemandem bestimmten, danke sage.

Danke, dass ich nochmals eine Chance bekommen habe.

Danke für all das Glück, das in mein Leben getreten ist.

Rückblickend fühlt es sich manchmal so an, als wären alle meine Träume mit einem Wimpernschlag in Erfüllung gegangen.

Nicht der von letzter Nacht. Gewiss nicht. Sondern all die Träume, von denen ich nicht mal mehr gewagt hatte, sie in Worte zu fassen.

Beutelomausi