Zwischen Qualität und Quantität
Und wie trifft man so eine Entscheidung?
Wenn beides seine Gründe hat. Wenn man dem einen vertraut, weil es bekannt ist, und dem anderen, weil es vertraut wirkt. Wenn man loslassen müsste, obwohl man gerade erst begonnen hat, sich sicher zu fühlen. Wenn der Körper etwas anderes sagt als der Kopf, und die Vernunft gegen das Bauchgefühl kämpft.
Vielleicht trifft man solche Entscheidungen nie ganz bewusst. Vielleicht trifft sie die Angst – oder die Hoffnung. Vielleicht muss man lernen, dass es keine perfekte Entscheidung gibt.
Nur die, mit der man leben kann. Und mit der man heilt.
„Sie sind da ziemlich einzigartig hier. Sowas haben wir sonst nicht.“ erklärt der Chirurg in ruhigem Ton. „Die doppelläufigen Dickdarmausgänge machen wir sonst auf der rechten Seite.”
Wir sitzen zusammen und besprechen das weitere Vorgehen. Ich bin extra vier Stunden zu ihm gefahren und nun planen wir endlich die Rückverlegung von einem meiner künstlichen Darmausgänge. Nachdem wir einen Termin gefunden haben, geht es nun um die Operation als solche.
Ich reiße die Augen auf, als ich realisiere was seine eben gesagten Worte bedeuten. Bin dankbar für seine Ehrlichkeit und gleichzeitig von diesem Moment an unheimlich angespannt.
„Aber Sie bekommen das doch hin, oder?“ frage ich, bemüht nicht allzu besorgt zu klingen.
„Es wird ein größerer Schnitt werden. Aber das Zusammennähen des Darms wird nichts anderes als bei anderen“
Ich blicke den Chirurgen stirnrunzelnd an und realisiere erstmals was ich hier gerade tue:
Der Chirurg kennt mich seit drei Wochen. Hat all das, was meinen Körper nun ausmacht nicht selbst operiert. Hat vielleicht nicht viel weniger Erfahrungen, aber halt andere. Nutzt andere Methoden, aber halt nicht schlechtere. Lernt mich kennen, doch kennt andere, die vergleichbar krank waren.
Er ist ehrlich, er wird sich Zeit nehmen für die Operation, das weiß ich, aber es wird neu für ihn sein. In meiner Heimat kennt man mich nun seit mehr als zwei Jahren; hier wäre ich eine von Vielen; ein Alltagsgeschäft. Nach mir würden an einem Operationstag noch eine Menge weiterer Betten mit Patienten in den Op-Saal geschoben werden. Hier wären Erfahrung und Professionalität, aber auch Zeitdruck und Routine.
Es ist eine Entscheidung:
Zwischen Qualität und Quantität; Unbekanntem und Vertrautem, Risiko und Sicherheit; Heimat und Fremde.
Und welche soll man treffen?